Unser Elektrotechnikum

von Heinz Bulla (erschienen am 27.10.2006 in der Sudetendeutschen Zeitung)

Wir wissen, daß Teplitz-Schönau zum Ende des 19. Jahrhunderts ein zweites Gesicht bekam.
Neben dem Badebetrieb, der nicht vernachlässigt wurde, verstand man es, die "Gründerzeit"
zu nutzen. Industrie, Handwerk, Banken und Versicherungen siedelten sich an. Ein wesentlicher
Motor der Entwicklung war der Siegeszug der Elektrotechnik, die sich aus unscheinbaren Keimen
zu ungeahnter Mächtigkeit entwickelte.

Vorbei waren die experimentellen Anfänge. In allen Sparten, sowohl industriell als auch
privat, drang die Elektrotechnik ein. Es gab schon Glüh- und Bogenlampen. In den Elektrizitätswerken
standen riesige Dynamomaschinen, betrieben mit Dampf oder Gas. Sie erzeugten schon
ausreichend Wechsel- und Drehstrom.
Das Teplitzer E-Werk entstand 1899 bis 1900 mit einem Kostenaufwand von 950 000 Kronen.
Seine Leistung betrug anfangs 258 000 Kilowatt und stieg 1912 schon auf über eine Million Kilowatt an.
Wie aufgeschlossen die Teplitzer dem neuen Medium gegenüber waren, erkennt man auch daran,
daß in Teplitz-Schönau 1894 die erste elektrisch betriebene Kleinbahn im damaligen Österreich fuhr.
Immer mehr Fachleute wurden gebraucht, und die Teplitzer waren weitsichtig genug, hier mitzugehen.
Der Ingenieur Wilhelm Biscan war zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle. Zunächst hatte er 1895 in
Komotau eine elektrotechnische Privatlehranstalt betrieben. Drei Jahre später holten ihn die Teplitzer
und boten ihm die Stelle eines Direktors des zu gründenden Elektrotechnikums an. Das Angebot war
verlockend, denn die Stadt übernahm die Kosten für Aufbau und Einrichtung der Lehranstalt. Auf der
Königshöhe fand man ein geeignetes Objekt, den Teplitzern bekannt als Villa "Bella Vista". An gleicher
Stelle gab es einmal die "Zündrequisiten- und Streichholzfabrik Ascher". Sie ist 1854 völlig abgebrannt.
Die danach gebaute Privatvilla "Bella vista" gehörte Franz Skoda aus Pilsen. Die Stadt Teplitz-Schönau
kaufte sie ihm ab und errichtete darin zwischenzeitlich das städtische Armenheim.

Die An- und Umbauten zum Elektrotechnikum müssen viel Geld gekostet haben, aber letztlich
hatte man eine Menge Platz für die großzügig ausgestattete Schule. Das etwas gewöhnungsbedürftige
Äußere des Hauses wurde durch kleine Anbauten, eine Art Terrassen, optisch verbessert.
Auf einer dieser Terrassen konnte man Statuen des Barockbildhauers Matthias Braun
bewundern. Sie stehen heute im Duxer Schloß. Natürlich gab es reichlich Unterrichtszimmer,
aber auch sehr gut eingerichtete Labors und Lehrwerkstätten. Das war ideal, denn die am Vormittag
erworbenen Kenntnisse konnten am Nachmittag gleich in die Praxis umgesetzt werden. Berühmt
war die kostbare elektrotechnische Sammlung mit ihren 1285 Exponaten. In der Fachbücherei
standen damals 698 Bände. Das Elektrotechnikum war eine dreiklassige Fachschule, wo man
Elektromonteure und Elektrotechniker ausbildete. Verschiedene Spezialisierungsmöglichkeiten,
zum Beispiel zum Kinooperateur, wurden angeboten. Die Absolventen waren begehrt
und wurden überall gern eingestellt.
1910 kamen erweiterte Abschlußmöglichkeiten hinzu. Elektromonteure hatten die Möglichkeit, zum
Obermonteur aufzusteigen. Nicht nur durch diese Maßnahmen hatte die Schule einen guten Ruf. Der
Chef selbst trug dazu bei. Etwas spektakulär waren seine Vorführungen der Funkentelegraphie nach
dem Prinzip von Heinrich Hertz. Das war damals eine Sensation, denn man konnte ohne Leitungen
per elektromagnetischer Wellen Telegramme versenden. Schließlich errichtete man 1903 in der Schule
eine feste funkentelegraphische Station.
Zu erwähnen sei hier noch eine Burschenschaft, die sich auch heute noch "Elektra Teplitz" nennt.
Sie gründete sich als schlagende Verbindung im Teplitzer Elektrotechnikum. Nach der Vertreibung
wurde sie in München neu gegründet. Sie schwächelt etwas infolge von Mitgliederschwund. Der
Altherrenverband hat nur noch 40 Mitglieder. Darunter ist leider nur einer, der noch Biscans Elektrotechnikum
erlebt hat. Gesundheitlich angeschlagen, konnte er die Internetseite der Burschenschaft nicht mitgestalten.
Dennoch, es lohnt sich unter www.elektra-teplitz.de dort hineinzuschauen.
Wir sehen Bilder aus Teplitz und neuerdings auch eine kurze Beschreibung des Elektrotechnikums.

Ingeneur Wilhelm Biscan genoß in der Stadt ein hohes Ansehen. Er schrieb mehrere Fachbücher
und war ein aktiver Bürger der Stadt. An wichtigen Stellen, wie im Kulturverband und im
Kurverein, hatte er mitgewirkt. Er stirbt am 13. Mai 1927. Sein Lebenswerk konnte nur noch bis
1934 weitergeführt werden. Die mangelnde finanzielle Unterstützung und Anerkennung der
deutschen Bildungseinrichtungen seitens des tschechischen Staates führten letztendlich zur
Schließung. Das Gebäude wird seit langem vom Teplitzer Tennisclub genutzt.

Außenansicht des Elektrotechnikums auf der Königshöhe. ­ Postkarte um1901,
Verlag Julius Mörl (Teplitz­Schönau).

Im Vordergrund die Werkstatt, beleuchtet mit Glühlampen.
Im Hintergrund ein Labor mit Schalttafel.
Postkarte, etwa 1903, Verlag Julius Mörl (Teplitz­Schönau).